Armin Nassehi machte in den Siebzigerjahren in Gelsenkirchen Abitur und studierte danach zun?chst P?dagogik und Philosophie im nahe gelegenen Münster. Die Soziologie kam erst etwas sp?ter dazu. Vielleicht ist es dieser eher indirekte Weg in die Soziologie, die ihn beides hat werden lassen: einerseits einen Kritiker des soziologischen Milieus, dem er bisweilen vorwirft, allzu sehr auf sich selbst fixiert zu sein, andererseits einen leidenschaftlichen Soziologen, der sich nicht damit zufriedengibt, Anschlüsse nur innerhalb der Akademia zu finden, sondern buchst?blich "rausgeht", dorthin, wo Entscheidungen getroffen werden, wo ganz anders gearbeitet werden muss als von der wissenschaftlichen Beobachterposition her. Jedenfalls hat ihn seine ganz eigene F?higkeit, soziologische Theoriebildung, empirische Forschung und die Suche nach Anwendungsorientierung wissenschaftlichen Wissens im Lauf der Jahre nicht nur zu einem unaufgeregten Beobachter ausdifferenzierter moderner Gesellschaften, sondern auch zu einem der wichtigsten Intellektuellen der Bundesrepublik werden lassen.
Mit "Muster" legt Nassehi, heute Professor für Allgemeine Soziologie und Gesellschaftstheorie an der LMU München und Herausgeber der Kulturzeitschrift ?Kursbuch“, bei C.H.Beck nun die erste stichhaltige Theorie der digitalen Gesellschaft vor. ?Wenn es so klug und unterhaltsam passiert wie hier“, schrieb Marc Reichwein darüber in der ?Welt“, ?k?nnte Gesellschaftswissenschaft wieder eine echte Leitdisziplin sein.“

1. Was haben Sie in Ihrem Studium fürs Leben gelernt?
Niemandem zu glauben und selbst hinzuschauen. Ich hatte das Glück eines v?llig deregulierten Studiums, für dessen Ordnung heutige Fakult?ten peinliche H?chststrafen bek?men. Es war jedenfalls ein wunderbarer Rahmen für die Einübung innerer Selbst?ndigkeit und Unabh?ngigkeit.
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2. Wie haben Sie Ihr erstes eigenes Geld verdient?
Mit 17 Jahren in einem Krankenhaus im Ruhrgebiet früh morgens vor der Schule. Ich habe dort Aufnehmer und Wischlappen mit einer riesigen Waschmaschine gewaschen. Ich nehme an, dass so etwas heute eher mit Einwegl?sungen bearbeitet wird.

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3. Wie sieht ein gelungener Tag in Ihrem Leben aus?
Ich habe das Privileg, dass meine Tage sehr unterschiedlich sind, dass ich viel unterwegs bin, manchmal aber das Station?re am h?uslichen Schreibtisch habe, manchmal gro?e Hektik und viel zu viele Termine. Gelungen ist ein Tag immer dann, wenn es mindestens eine Phase gibt, in der ich das Gefühl habe, dass mich die Welt in Ruhe l?sst. Ich bin privilegiert genug, solche Phasen zu haben oder mir organisieren zu k?nnen.
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4. Was nehmen Sie sich immer wieder vor?
Es leichter zu nehmen und leichter zu werden. Ersteres gelingt ganz gut, Zweiteres weniger.

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5. Was ertragen Sie nur mit Humor?
Soziologinnen und Soziologen - apropos Humor: Man kann der Antwort nicht entnehmen, ob sie ironisch, selbstironisch oder konstativ gemeint ist.

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6. Ihr Lieblingskomponist?
Der estnische Komponist Arvo P?rt, dessen Einfachheit von Vielen f?lschlicherweise für banal gehalten wird. Es ist gerade die Einfachheit des musikalischen Mediums, mit dem P?rt arbeitet, die unglaubliche Formen hervorbringt. Man muss zum Beispiel nur seine Berliner Messe h?ren – ich habe sie schon selbst im Chor singen dürfen. Das Gloria ist so ein Beispiel grandioser Einfachheit und vielf?ltiger Musikalit?t.
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7. Welche Eigenschaften sch?tzen Sie an einem Menschen am meisten?
Sehr erwartbar: Selbstironie. Selbstironie ist eine Form der Selbstreflexion, die das Kunststück fertig bringt, sich selbst sehr ernst zu nehmen, es aber wie das Gegenteil aussehen zu lassen.

8. Ihr liebstes Smalltalk-Thema?
Die unbegründete Hoffnung, dass der F.C. Schalke 04 noch in meiner Lebenszeit wieder Deutscher Fu?ballmeister werden kann. Das letzte Mal war er es zwei Jahre vor meiner Geburt (1958) – das l?sst nichts Gutes ahnen, und obwohl ich gro?er Schalke-Fan bin, hoffe ich, dass es mit der Meisterschaft noch etwas dauert, wenn meine Ahnung stimmen sollte. Bis das ausdiskutiert ist, braucht es keinen weiteren Smalltalk mehr.??

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9. Welcher Illusion geben Sie sich gerne hin?
Dass es allen um etwas geht, jedenfalls um mehr als nur das zu wiederholen, was ohnehin gesagt wird.

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10. Welche Zeitungen, Magazine und Blogs lesen Sie?
Alles, was mir in die Finger kommt. Als Printausgaben beziehe ich den Spiegel, den New Yorker und eine Musikzeitschrift. Alles andere lese ich elektronisch mit vielen Abos, deren Immaterialit?t durchaus materielle Spuren auf meiner monatlichen Kreditkartenabrechnung hinterl?sst. Am liebsten mag ich übrigens E-Paper, weil das dann eben wie eine Zeitung aussieht.?
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11. Welches Buch würde niemand in Ihrer Bibliothek erwarten?
Ich glaube nicht, dass sich jemand darüber Gedanken machen würde. Nach ausführlicher Inspektion habe ich auch selbst keines gefunden, das nicht irgendwie erwartbar w?re. Mir fallen eher viele Bücher ein, von denen erwartbar w?re, dass sie da eigentlich stehen müssten. Aber auch darüber wird sich niemand Anderes wohl Gedanken machen.

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12. Ein Buch, das Ihr Leben ver?ndert hat?
Davon gibt es einige. Das erste mit ungef?hr 16 Jahren waren die Reiseberichte des norwegischen Polarforschers Fridtjof Nansen über seine Expedition mit der Fram zum Nordpol – da fand ich faszinierend, wie lebendig man erz?hlen kann, wenn über sehr lange Zeit nichts Erz?hlenswertes geschieht; am Anfang des Studiums Martin Heideggers "Sein und Zeit", mit dem ich langsam das Denken gelernt habe – da ging es weniger um das Was, sondern um das Wie; erst nach dem Studium Niklas Luhmanns "Soziale Systeme", ein Buch, das mein Fach mit einem starken Sprung auf eine neue Erkenntnisebene gebracht hat.
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13. Ihre Lieblingsbesch?ftigung?
Ganz oben auf der Liste steht das Chorsingen – ich singe seit Jahren in einem Chor, dessen Schwerpunkt die zeitgen?ssische Chormusik ist, der aber durchaus auch Barock-, Klassik- und Romantikrepertoire singt. Ich w?re da gerne ebenso begabt, wie ich begeistert davon bin.
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14. Welches Buch m?chten Sie gern noch schreiben?
Es gibt da noch einige, auch Neuversionen bereits geschriebener Bücher. Aber sollte mir der Segen eines nicht zu kurzen Lebens beschieden sein, werde ich als letztes Buch eine Musiksoziologie schreiben, für die ich schon Material sammle.


15. Ihr Motto?
Et in arcadia ego.??


16. Ihr gr??tes Talent?
Vortr?ge zu halten, als w?re es Musik.?


17. Was bedeutet das Schreiben für Sie?
Schreiben ist Denken. Was ich nicht aufgeschrieben habe, habe ich nicht gedacht. Wer denkt, dass er ohne Schreiben wei?, was er denkt, denkt nur, dass er denkt. Deshalb k?nnen die, die nicht schreiben k?nnen, auch nur wiederholen, was sie geh?rt haben.

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Wir erfahren die Digitalisierung in erster Linie als Kr?nkung, weil sie uns vorführt, wie berechenbar und regelm??ig, wie wenig überraschend und strukturbedingt, wie erwartbar vieles an unseren Verhaltensdispositionen ist.

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